Neues aus der woinem.de Redaktion:
  Nachgefragt !


Eine Revolution, an der sich jeder beteiligen kann

Die Macher von woinem.de über das Leben mit
dem Internet / „Grenzen werden einstürzen"

Sandro Furlan/Weinheimer Nachrichten 24.12.99
 
 


Menschen völlig alleine zu Hause, nur den Computer vor sich. Menschen, die sich per Chat unterhalten, aber ihrem Gegenüber auf der Straße nicht mehr ins Gesicht schauen können. Schließlich macht die übermäßige Nutzung des Mediums Internet einsam - hört man zumindest immer wieder. „Alles Quatsch", sagen dagegen Ame Müller, Rolf Zeitler und Peter Hoffmann. „Das Internet wird zwar die Menschheit revolutionieren", meinen alle drei unisono, aber am Verhalten selbst werde sich bei den Menschen nichts verändern. „Denn dieses Mal hat es jeder selbst in der Hand", sagt Ame Müller.
Er und seine beiden Mitstreiter müssen es wissen, denn alle drei sind so etwas wie Visionäre in Sachen Internet. Im Frühjahr dieses Jahres starteten sie die Intemet-Community woinem.de - „vun Woinemer für Woinemer", wie es im Zusatz heißt. Sprich: Eine Art lokales Internet in der großen weiten Welt des Netzes. Bis heute haben fast 500.000 Nutzer auf die Homepäge zurückgegriffen und nebenbei wurde ihre Internet-Seite vor wenigen Wochen vom Sender SWR 3 zur „besten Mundart-Homepagt der Welt" gekürt.



Sie kennen sich also aus und daher gehen sie recht gelassen an die Entwicklung ran, die schon lange voll am laufen ist. „Man muss den Leuten klarmachen, dass das Internet einen riesigen Nutzen bringt", meint beispielsweise Rolf Zeitler. Man kann auf das ganze Wissen dieser Welt binnen Sekunden zurückgreifen - ein Umstand, den man sich seiner Meinung nach auf der Zunge zergehen lassen müsse. Doch nicht nur der private Nutzer vor dem heimischen PC ist davon betroffen, auch der Handel „wird komplett neuen Zeiten entgegengehen", wie es Arne Müller bezeichnet. Ein transparenter Markt mit stetig wachsenden Möglichkeiten und vereinfachten und schnelleren logistischen Systemen wird dem kleinen und mittleren Geschäftsmann noch mehr Kunden bescheren. Und zwar bundes-, wenn gewünscht auch weltweit. Optimal würde es nach Ansicht der drei verlaufen, wenn auch die Kommunen in dieser Richtung etwas weiter denken und gewissermaßen eine Art Wirtschaftsförderung fürs Internet aufbauen würden. Dass es klappt, das belegt Ame Müller gerne mit einem Geschäftsmann aus Weinheim, der mit seiner Firma in verschiedenen Suchdiensten im Internet platziert ist und seitdem seine Artikel quer durch die Republik vertreibt.

Aber auch die Bildung wird in Zukunft vom Internet stark beeinflusst werden. Spätestens in ein paar Jahren sind verschiedene Bildungseinrichtungen nur noch Schnee von gestern, „der Stoff zum Lernen kommt dann durchs Netz", orakelt Peter Hoffmann. Sprich: Eigener Unterricht zu Hause, das Sprachlabor als Teil des Kinderzimmers und der Professor an der Uni hält die Vorlesungen online. Doch bis dahin muss das Netz auf Vordermann gebracht werden, frei nach dem Motto „Mehr Inhalt, weniger Müll". Denn zurzeit ist es schier überfrachtet mit Dingen, von denen die Menschheit sicherlich nur einen Teil benötigt. Auch die Politik wird nicht ungeschoren davonkommen, „denn sie wird durch den weltweiten Datenaustausch mehr als einmal in ihre Schranken gewiesen," sagt Arne Müller. Man könnte beispielsweise, „natürlich rein hypothetisch" meint er, chinesischen Reförmkräften Material übers Netz zukommen lassen.

Doch so weit muss man gar nicht ausholen. Bestes Beispiel ist der Krieg im Kosovo beziehungsweise die daraus resultierende Bombardierung Belgrads. Ein den serbischen Machthabem nicht wohlgesonnener Radio-Sender schickte seine Nachrichten in alle Welt, bis das Studio zerstört wurde. Doch der Sendebetrieb ging weiter - übers Internet. Für Arne Müller der Beweis: „Das Internet ist nicht totzukriegen." Und daher ist er auch der festen Überzeugung, dass mit Hilfe des Internets die bestehenden Grenzen irgendwann einstürzen werden.

Es gibt natürlich noch viele andere Bereiche, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vom Internet beeinflusst werden. Auch die Zahl der Anbieter und Nutzer wird ansteigen, die Technik des Internets immer besser und so wird es nach Meinung der drei schon sehr bald möglich sein, im Rahmen eines verbesserten Live-Streamings Ton und bewegte Bilder in Femseh-Qualität durchs Netz zu schießen. Für den privaten Nutzer sind nach Meinung der „Profi-Surfer" unter anderem das Online-Banking oder auch der Einkaufsbummel interessant, Letzteres wird in ein paar Jahren wohl zu einem Großteil übers Netz abgewickelt. Für den Nutzer eine gute Sache, denn mehr Transparenz bedeutet auch einen besseren Preisvergleich. „Ich höre schon das Geschrei von verschiedenen Geschäftsleuten, die der Meinung sind, dass sie jetzt ihren Laden zumachen müssen", meint Rolf Zeitler.

Doch eher das Gegenteil könnte der Fall sein. Vorausgesetzt, die Geschäftsleute gehen auch ins Netz. Mehr Nutzer, mehr Kundschaft - so lautet die einfache Formel der drei. Irgendwann werde es sowieso nur noch den Produzenten und den Empfänger geben, meint Arne Müller, und dann werde sich das Ganze von alleine erledigen: „Entweder man springt auf den Zug auf, oder man bleibt am Bahnhof zurück." Auch andere Medien werden von der rasanten Entwicklung betroffen sein. Ob Telefon oder auch Fernsehen - auf beides kann wohl irgendwann verzichtet werden, weil es vom Internet ersetzt wird. Und da alles vom PC aus erledigt werden kann, bleibt auch das Auto in der Garage stehen; das Internet als Saubermann. Doch trotz aller Voraussagen ist das Internet nur als Medium für den Austausch von Informationen und Transaktionen zu verstehen. „Mehr wird es auch nie werden", sagen die drei. Bücher oder auch die Zeitung werde es beispielsweise nie ersetzen können. „Man kann ja mal probieren, nasse Schuhe mit dem Computer auszustopfen", meint dazu Rolf Zeitler. Der Mensch selbst wird sich in seinen Verhaltensweisen auch nicht ändern, dessen sind sich die drei aus der Alten Postgasse sicher. Vereinsamung oder ähnliches wird durch die Nutzung des Internets nicht gefördert. Eher lernt man neue Leute kennen, die sich teilweise auch auf realen Chat-Parties treffen, erzählt Rolf Zeitler. „Eine äußerst interessante Sache", wie er meint.

Wenngleich die Anonymität im Internet eine große Rolle spielt, zumindest was die Dinge im Freizeit-Bereich betrifft. Bei Chats werden andere Namen und somit andere Identitäten angenommen, was aber in den Augen der woinem.de-Macher nicht so ungewöhnlich ist. „Das ist doch wie an Fasching. Die Leute setzen sich eine Maske auf und lassen die Sau raus", zieht Rolf Zeitler den Vergleich. Freizeitspaß in einem neuen Zeitalter, das nach Meinung von Peter Hoffmann schon längst angebrochen ist. Die Entwicklung wird immer schneller und daher muss man „wie der Teufel hinter der armen Seele her sein, um einigermaßen aktuell zu sein", beschreibt Rolf Zeitler die alltägliche Arbeit im Netz. Und daher wird es seiner Meinung nach auch nicht mehr lange dauern, und man trägt die Festplatte im Schuhabsatz und Browser und Monitor wie eine Augenklappe. Oder auch der Internetzugang für unterwegs, quadratisch, praktisch und für jede Hemdtasche. In zwei Jahren wird's so weit sein. Aber auch wenn nach der Erfindung der Dampfmaschine gleich das Internet kommt und daraus tagtäglich neue Dinge geboren werden, steht für die drei heute schon eines fest:

„Egal was passiert, alles wird gut".

Sandro Furlan
Weinheimer Nachrichten vom 24.12.99

 
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