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Menschen völlig alleine zu Hause, nur den Computer
vor sich. Menschen, die sich per Chat unterhalten, aber ihrem Gegenüber
auf der Straße nicht mehr ins Gesicht schauen können. Schließlich macht
die übermäßige Nutzung des Mediums Internet einsam - hört man zumindest
immer wieder. „Alles Quatsch", sagen dagegen Ame Müller, Rolf Zeitler
und Peter Hoffmann. „Das Internet wird zwar die Menschheit revolutionieren",
meinen alle drei unisono, aber am Verhalten selbst werde sich bei den
Menschen nichts verändern. „Denn dieses Mal hat es jeder selbst in der
Hand", sagt Ame Müller.
Er und seine beiden Mitstreiter müssen es wissen, denn alle drei sind
so etwas wie Visionäre in Sachen Internet. Im Frühjahr dieses Jahres starteten
sie die Intemet-Community woinem.de - „vun Woinemer für Woinemer",
wie es im Zusatz heißt. Sprich: Eine Art lokales Internet in der großen
weiten Welt des Netzes. Bis heute haben fast 500.000 Nutzer auf die Homepäge
zurückgegriffen und nebenbei wurde ihre Internet-Seite vor wenigen Wochen
vom Sender SWR 3 zur „besten Mundart-Homepagt der Welt" gekürt.

Sie kennen sich also aus und daher gehen sie recht
gelassen an die Entwicklung ran, die schon lange voll am laufen ist. „Man
muss den Leuten klarmachen, dass das Internet einen riesigen Nutzen bringt",
meint beispielsweise Rolf Zeitler. Man kann auf das ganze Wissen dieser
Welt binnen Sekunden zurückgreifen - ein Umstand, den man sich seiner
Meinung nach auf der Zunge zergehen lassen müsse. Doch nicht nur der private
Nutzer vor dem heimischen PC ist davon betroffen, auch der Handel „wird
komplett neuen Zeiten entgegengehen", wie es Arne Müller bezeichnet.
Ein transparenter Markt mit stetig wachsenden Möglichkeiten und vereinfachten
und schnelleren logistischen Systemen wird dem kleinen und mittleren Geschäftsmann
noch mehr Kunden bescheren. Und zwar bundes-, wenn gewünscht auch
weltweit. Optimal würde es nach Ansicht der drei verlaufen, wenn auch
die Kommunen in dieser Richtung etwas weiter denken und gewissermaßen
eine Art Wirtschaftsförderung fürs Internet aufbauen würden. Dass
es klappt, das belegt Ame Müller gerne mit einem Geschäftsmann aus Weinheim,
der mit seiner Firma in verschiedenen Suchdiensten im Internet platziert
ist und seitdem seine Artikel quer durch die Republik vertreibt.
Aber auch die Bildung wird in Zukunft vom Internet
stark beeinflusst werden. Spätestens in ein paar Jahren sind verschiedene
Bildungseinrichtungen nur noch Schnee von gestern, „der Stoff zum Lernen
kommt dann durchs Netz", orakelt Peter Hoffmann. Sprich: Eigener
Unterricht zu Hause, das Sprachlabor als Teil des Kinderzimmers und der
Professor an der Uni hält die Vorlesungen online. Doch bis dahin muss
das Netz auf Vordermann gebracht werden, frei nach dem Motto „Mehr Inhalt,
weniger Müll". Denn zurzeit ist es schier überfrachtet mit Dingen,
von denen die Menschheit sicherlich nur einen Teil benötigt. Auch die
Politik wird nicht ungeschoren davonkommen, „denn sie wird durch den weltweiten
Datenaustausch mehr als einmal in ihre Schranken gewiesen," sagt
Arne Müller. Man könnte beispielsweise, „natürlich rein hypothetisch"
meint er, chinesischen Reförmkräften Material übers Netz zukommen lassen.
Doch so weit muss man gar nicht ausholen. Bestes
Beispiel ist der Krieg im Kosovo beziehungsweise die daraus resultierende
Bombardierung Belgrads. Ein den serbischen Machthabem nicht wohlgesonnener
Radio-Sender schickte seine Nachrichten in alle Welt, bis das Studio zerstört
wurde. Doch der Sendebetrieb ging weiter - übers Internet. Für Arne Müller
der Beweis: „Das Internet ist nicht totzukriegen." Und daher ist
er auch der festen Überzeugung, dass mit Hilfe des Internets die bestehenden
Grenzen irgendwann einstürzen werden.
Es gibt natürlich noch viele andere Bereiche, die
in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vom Internet beeinflusst werden.
Auch die Zahl der Anbieter und Nutzer wird ansteigen, die Technik des
Internets immer besser und so wird es nach Meinung der drei schon sehr
bald möglich sein, im Rahmen eines verbesserten Live-Streamings Ton und
bewegte Bilder in Femseh-Qualität durchs Netz zu schießen. Für den privaten
Nutzer sind nach Meinung der „Profi-Surfer" unter anderem das Online-Banking
oder auch der Einkaufsbummel interessant, Letzteres wird in ein paar Jahren
wohl zu einem Großteil übers Netz abgewickelt. Für den Nutzer eine gute
Sache, denn mehr Transparenz bedeutet auch einen besseren Preisvergleich.
„Ich höre schon das Geschrei von verschiedenen Geschäftsleuten, die der
Meinung sind, dass sie jetzt ihren Laden zumachen müssen", meint
Rolf Zeitler.
Doch eher das Gegenteil könnte der Fall sein. Vorausgesetzt,
die Geschäftsleute gehen auch ins Netz. Mehr Nutzer, mehr Kundschaft -
so lautet die einfache Formel der drei. Irgendwann werde es sowieso nur
noch den Produzenten und den Empfänger geben, meint Arne Müller, und dann
werde sich das Ganze von alleine erledigen: „Entweder man springt auf
den Zug auf, oder man bleibt am Bahnhof zurück." Auch andere Medien
werden von der rasanten Entwicklung betroffen sein. Ob Telefon oder auch
Fernsehen - auf beides kann wohl irgendwann verzichtet werden, weil es
vom Internet ersetzt wird. Und da alles vom PC aus erledigt werden kann,
bleibt auch das Auto in der Garage stehen; das Internet als Saubermann.
Doch trotz aller Voraussagen ist das Internet nur als Medium für den Austausch
von Informationen und Transaktionen zu verstehen. „Mehr wird es auch nie
werden", sagen die drei. Bücher oder auch die Zeitung werde es beispielsweise
nie ersetzen können. „Man kann ja mal probieren, nasse Schuhe mit dem
Computer auszustopfen", meint dazu Rolf Zeitler. Der Mensch selbst
wird sich in seinen Verhaltensweisen auch nicht ändern, dessen sind sich
die drei aus der Alten Postgasse sicher. Vereinsamung oder ähnliches wird
durch die Nutzung des Internets nicht gefördert. Eher lernt man neue Leute
kennen, die sich teilweise auch auf realen Chat-Parties treffen, erzählt
Rolf Zeitler. „Eine äußerst interessante Sache", wie er meint.
Wenngleich die Anonymität im Internet eine große
Rolle spielt, zumindest was die Dinge im Freizeit-Bereich betrifft. Bei
Chats werden andere Namen und somit andere Identitäten angenommen, was
aber in den Augen der woinem.de-Macher nicht so ungewöhnlich ist. „Das
ist doch wie an Fasching. Die Leute setzen sich eine Maske auf und lassen
die Sau raus", zieht Rolf Zeitler den Vergleich. Freizeitspaß in
einem neuen Zeitalter, das nach Meinung von Peter Hoffmann schon längst
angebrochen ist. Die Entwicklung wird immer schneller und daher muss man
„wie der Teufel hinter der armen Seele her sein, um einigermaßen aktuell
zu sein", beschreibt Rolf Zeitler die alltägliche Arbeit im Netz.
Und daher wird es seiner Meinung nach auch nicht mehr lange dauern, und
man trägt die Festplatte im Schuhabsatz und Browser und Monitor wie eine
Augenklappe. Oder auch der Internetzugang für unterwegs, quadratisch,
praktisch und für jede Hemdtasche. In zwei Jahren wird's so weit sein.
Aber auch wenn nach der Erfindung der Dampfmaschine gleich das Internet
kommt und daraus tagtäglich neue Dinge geboren werden, steht für die drei
heute schon eines fest:
„Egal was passiert,
alles wird gut".
Sandro Furlan
Weinheimer Nachrichten vom 24.12.99
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